Treppen, Brücken, Zäune und Passagen, darüber ein weiter Himmel, und immer wieder der Blick in einen dunklen Wald: Die Bilder von Hendrik „ecb“ Beikirch zeigen die Orte, an denen Graffiti entsteht, und die Wege dorthin. Man findet sich darin in einer melancholischen Vision des städtischen Untergrunds wieder, der immer seltener wird.
Die Straße als Motiv
Der aus Kassel stammende Künstler ist seit Mitte der Neunzigerjahre ein fester Begriff in der Graffiti- und Street-Art-Szene. Anders als bei den bekannten Übertragungen der Zeichen der Straße in den Galerieraum versucht ecb nicht, den White Cube zur Straße zu erklären. Stattdessen zeigt er Arbeiten auf Leinwand, die die Straße selbst porträtieren: die Heimat des Graffiti-Malers. Mit fotografischer Genauigkeit sprüht er düstere Treppen, Brücken und Zäune. Daneben stehen Blicke in den Wald: dunkle Baumsilhouetten vor fahlem Himmel, Stämme, die sich in Nebel und Dämmerung verlieren. Sie zeigen die Ränder der Stadt, jene stillen Orte, die man auf nächtlichen Wegen durchquert.
Graffiti als Kunst des Raums
Graffiti als Ästhetik zwischen Kunst und Schadensfall, als Zeichensprache der Geschwindigkeit mobiler Stadtindianer: Solche Charakterisierungen von Wandbildern aus der Sprühdose sind längst geläufig. Mit seinen Leinwandarbeiten beschreitet ecb jedoch weniger den Weg vom Underground in die Seriosität der Galerien. Vielmehr zeigt er, dass Graffiti im Wesentlichen eine Kunst des Raums und seiner Inszenierung ist. Er überträgt daher nicht die Zeichensprache von Wänden und Mauern auf die Leinwand, sondern die topografischen Szenarien, in denen sie stattfindet. Über seinen Treppen, Brücken und Passagen dehnt sich oft ein weiter Himmel, als anarchisches Zeichen des offenen Raums, für den die Graffitikunst eigentlich gedacht ist.
Flüchtige Schönheit
Die Anonymität und Heimlichkeit der Praxis verwandeln sich in diesen Bildvisionen in nahezu fotografische Perfektion. Die bewusst reduzierte Farbpalette, Verwischungen und Verflüssigungen strahlen die Melancholie eines untergegangenen Zeitalters aus, wie sie auch Bilder aus der Frühzeit der Fotografie vermitteln. Graffiti ist hier zu einer Kunst flüchtiger Schönheit geronnen.
Über den Künstler
Hendrik Beikirch wurde 1974 in Kassel geboren. Ende der 1980er-Jahre griff er zum ersten Mal zur Sprühdose und hinterließ seine Spuren auf Zügen. Später studierte er Kunstpädagogik in Koblenz, wo er heute lebt und arbeitet. Mit „Einen Sommer“ zeigt er seine erste Einzelausstellung bei Pretty Portal.
„Einen Sommer“
ecb · Hendrik Beikirch
Vernissage
Freitag, 8. Mai 2009, ab 19 Uhr
Ausstellung
8. Mai – 5. Juni 2009
Pretty Portal
Brunnenstraße 12
40223 Düsseldorf
Anmerkung (2026): Ein Jahr später zeigte ecb bei Pretty Portal mit „Faces of Hope and Struggle“ erstmals seine Porträts. Mit ihnen ist er seither international bekannt geworden. 2012 malte er in Busan, Südkorea, ein rund 70 Meter hohes Wandbild, damals das höchste Asiens.