CASE (Andreas von Chrzanowski) — „untitled" | September 2013

Faust und Friedenszeichen in einer Hand – Widerspruch als Bild

Ort
Reisholzer Hafen | Düsseldorf
CASE (Andreas von Chrzanowski) — „untitled"

Entstanden

September 2013

Beschreibung

Andreas von Chrzanowski, besser bekannt als CASE, wurde 1979 in Schmalkalden geboren und lebt heute in Frankfurt am Main. Seine künstlerischen Wurzeln liegen in der ostdeutschen Graffiti-Szene, in der er seit 1995 mit der Sprühdose arbeitet. Im Jahr 2000 gründete er gemeinsam mit drei weiteren Sprühern die Gruppe MA'CLAIM – eine der Pioniergruppen des fotorealistischen Graffiti, die bis heute international als stilprägend gilt. Seine Ausbildung als Maler sowie ein Studium der Restaurierung haben seine technische Präzision geschärft und fließen sichtbar in seine Bildsprache ein.

CASEs Markenzeichen ist die fotorealistische, oft monumentale Darstellung von Händen und Körperteilen – ein Motiv, das ihm weltweite Anerkennung eingebracht hat. Hände gelten in der Kunstgeschichte als eines der ausdrucksstärksten, zugleich technisch anspruchsvollsten Motive überhaupt, und CASE gelingt es, ihre Emotionalität und Dynamik mit außergewöhnlicher Präzision einzufangen. Dabei geht es ihm nie um die bloße anatomische Wiedergabe: Er entfernt Körperteile aus ihrem gewohnten Kontext, verfremdet und übersteigert sie, konfrontiert klassische Vorstellungen von Schönheit mit kontroversen, fast grotesken Bildmomenten – und erzeugt so eine ganz eigene, verstörend-faszinierende Präsenz.

Zentral in seinem Werk ist die Idee überlagernder Hände als Bild von Bewegung, Verbindung und – wie am Reisholzer Hafen – innerem Widerspruch. Diese Bewegung meint bei CASE nie nur die physische Geste, sondern immer auch das Politische und Gesellschaftliche: Gesten sprechen eine Sprache, die keine Übersetzung braucht, oft sagt eine Handbewegung mehr als tausend Worte. In Düsseldorf setzt er diese Überlagerungstechnik konsequent in eine einzige, in sich gespaltene Aussage um: Jede der beiden Hände malt er zweifach – einmal zur Faust geballt, einmal zum Peace-Zeichen aus Zeige- und Mittelfinger geöffnet – und legt beide Posen halbtransparent übereinander, sodass Faust und Friedenszeichen gleichzeitig sichtbar bleiben, ineinander verwoben, keine der beiden Gesten je ganz verschwindet oder sich durchsetzt. Aggression und Frieden, Widerstand und Versöhnung existieren so nicht nacheinander, sondern im selben Moment, in derselben Hand – ein Bild dafür, wie nah diese Haltungen beieinanderliegen und wie sehr jede Geste, jede politische Position immer auch ihr Gegenteil in sich trägt. Nur an den Fingerspitzen bricht die strenge fotorealistische Anatomie auf: In grellem Grün und Rot, wie eine zweite, digitale Bildebene über der klassischen Malerei, wird die Spannung dieses Moments zusätzlich sichtbar gemacht.

Das Wandbild entstand 2013 in Düsseldorf im Rahmen des ersten 40Grad Urban Art Festivals.

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